Body Building

Installation view at Kunstraum, Zürich, ZHdK Highlights, 2018

Installation view at AKKU, Stuttgart, 2018

Installation view with C-print 90x135cm

Body Building – Building Body                                                        

 

Die Arbeiten, die Lisa Biedlingmaier in der Reihe Body Building seit 2018 macht, sind flach, es sind Bilder. Zwar bilden sie im Raum Skulpturen oder in ihrer Anordnung Installationen, doch die einzelnen Figuren sind höchstens reliefartig, so wie die flächigen Reproduktionen unserer Körper, auf Foto oder Film, die uns überleben und die Nachwelt prägen. 

 

Der Körper erscheint dabei nicht als unabhängige Entität, sondern steht in Bezug zu äußeren Verhältnissen und ist eingebettet in soziale, politische und gesellschaftliche Bedeutungsgefüge. Der Körper ist ein eigenständiges „subject of assumption and confrontation” wie Richard Schusterman in Body Consciousness (2008) schreibt, „an element in an environmental field“. Verschiedene Aspekte des Körperlichen werden in einzelnen „Body Buildings“ untersucht, wie z.B. diejenige bei Caliban and the Witch (2004) von Silvia Federici, die in ihrem Buch die Hexenverfolgungen der Neuzeit, als einen „struggle against the rebel body“ untersucht und ihren verheerenden Einfluss auf die Unterdrückung der Frau bis in die heutige Zeit beschreibt. In der Gegenwart wiederum sind der Zugang zu Pornographie und Pillen und die damit einhergehende unmittelbare Befriedigung und Zustandsveränderung, die jederzeit aktiviert werden kann, neu und inflationär und haben deshalb eine Auswirkung auf das Individuum und die Gesellschaft. Deshalb spricht Paul B. Preciado in Testo Junkie (2013) vom pharmapornografischen Zeitalter. 

 

In Body Building nähert sich Lisa Biedlingmaier in Handarbeit und Assemblage diesen Körperbildern, erlebt sie selbst, es entsteht der gestylte Body, die Hexe, der fragmentierte Körper, der modifizierte Körper. Sie nutzt dazu die Textilkunst, insbesondere das Makramee. Die Knoten stehen für Verspannung, Bedeutungsdichte, Speicher, die in ihrer Verstrickung und Anordnung ein Narrativ weben, ein Bild schaffen,oder auch das Verlangen erzeugen, diese aufzulösen. Es entsteht ein variables Bild, das immer wieder aktualisiert werden kann. 

 

Zum Einsatz kommen bei ihr Baumwoll- und Polyesterseil, teilweise mit Kern, aber auch typische Schweizer Recyclingschnur. Dazwischen findet sich ein Pflanzenhänger mit vorgefertigtem Makramee aus dem Hobbymarkt, Seilklemmen aus Edelstahl und Spanngummis. Weiter werden Fundgegenstände hinzugefügt, wie etwa ein Gips-Objekt, oder ein in anderem Zusammenhang gemachtes Acryl-Objekt, eine Leuchtröhre und verschiedene Textilien. 

 

Durch diese Abfolge von Material-Fund, Handarbeit und Komposition geht Biedlingmaier ihrem eigenen Erleben nach, ihren Nackenschmerzen, ihrer Körperempfindung, verarbeitet die Lektüre, sinniert über die Familienaufstellung, über Denkmuster, über Naturheilkunde und schafft so vielfältige Portraits. 

 

Michael Hiltbrunner                                                                        Zürich, August 2018